Haile Gebrselassie hat in New York die Karriere beendet. Er wird der Welt als Mann der vielen Siege und Rekorde in Erinnerung bleiben. Aber auch als einer, dem Menschlichkeit ebenso wichtig war wie Leistungswille.
Im Moment können wir uns kaum lösen vom Bild des Mannes, der am Ende statt grosser Worte nur Tränen findet. «Ich habe nie an den Rücktritt gedacht», sagt er, «aber das ist der Tag.» – Heisst das, dass Sie nicht mehr laufen werden? – «Ja.» Es ist keiner da, der würdevolle Worte zum Abschied findet.
Gebrselassie hat sich ganz allein und spontan entschieden. Er humpelt davon. Auf seinen gelben Laufschuhen, die er nach der Aufgabe beim New-York-City-Marathon nicht ausgezogen hat, steht rot 2:03:59, die Zeit seines Weltrekords über 42,195 Kilometer. Ein Lift verschluckt den kleinen Mann. Zurück bleibt Leere.
Ein Monument aus Zahlen
Gebrselassies Karriere ist ein Monument aus Zahlen. 27 Weltrekorde lief er, und er gewann Gold an internationalen Titelkämpfen auf Distanzen von 1500 bis 10 000 m. Zweimal wurde er Olympiasieger, viermal Weltmeister, und als er auf der Bahn alles gewonnen hatte, machte er sich auf, im Marathon die Grenzen des Vorstellbaren zu verrücken. 18 Jahre lang war er Weltspitze.
Gebrselassie ist der grösste Langstreckenläufer der Geschichte, auch wenn er selber das nicht so sieht. Um der Grösste zu sein, müsse er wie einst sein Landsmann Abebe Bikila Marathon-Olympiasieger werden, betonte Gebrselassie stets. Dieses Ziel wird er nie erreichen. Gebrselassie hat eingesehen, dass der Olympiasieg 2012 mit dem in letzter Zeit immer öfter rebellierenden Körper nicht zu erreichen ist. Offiziell ist Gebrselassie 37 Jahre alt, aber sogar sein Manager Jos Hermens sagt: «Schauen Sie in sein Gesicht! Er ist wohl mindestens 40.»
Wer weiss das schon genau. Im Dörfchen Asella, weit weg von Addis Abeba, hatte man vor vier Jahrzehnten anderes zu tun, als die genauen Geburtsdaten der Kinder festzuhalten. Gebrselassie wuchs als Sohn eines Bauern auf und musste früh bei der Arbeit helfen. Dass er auf dem Weg zur Schule die Leidenschaft fürs Laufen entdeckte, passte dem Vater gar nicht.
Auch Prügel können ihn nicht stoppen
Aber auch Prügel konnten den kleinen Haile nicht stoppen. Statt den Schulbus zu nehmen, joggte er, mit 13 gewann er ein Rennen gegen Erwachsene. Und mit 17 zog er in die Hauptstadt, um Läufer zu werden. Aber erst als er 1993 für den ersten WM-Sieg als Prämie einen Mercedes bekam und diesen dem Vater schenkte, begann der zu akzeptieren, dass auch das Laufen ein Beruf sein kann.
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